Tavernengeschichte 1: Der Mann am Tresen

Mitten im Wald, jenseits von hier, steht eine von Nebel umhüllte Taverne. Manchmal ist sie da, und manchmal nicht. Aber sie öffnet sich immer dann, wenn sie gebraucht wird.

Heute pfeift der Wind durch die alten Balken.

Genevieve spürt, dass sich etwas regt.

Die Zeit ist in Wallung.

Und sie fragt sich zum wiederholten Mal: Ist es ein Ende oder ein Anfang?

In dieser Nacht tobte ein schwerer Sturm durch den Wald zwischen den Welten. Bäume ächzten in der Dunkelheit, und zwischen ihren Wurzeln kroch der Nebel hervor. Kein Lebewesen war zu sehen. Wer konnte, hat sich zurückgezogen, um sich vor dem heftig prasselnden Regen zu schützen.

Durch diesen, vom Sturm gepeinigten Wald, führte ein Weg. Nicht mehr als ein von vielen Füßen gezeichneter Pfad. Zwischen den Nebelfetzen tat sich am Ende des Wegs ein warm erleuchtetes Haus auf: Die Taverne „Zur Schwelle“.

Dort, auf diesem Pfad unweit der Taverne begann die Luft zu knistern. Sie vibrierte und ein elektrisches Surren mischte sich unter das Plätschern des Regens.

Ein dumpfer Knall erklang und plötzlich begann ein sanftes Leuchten zu der Größe einer Tür heranzuwachsen.

Ein Mann trat heraus. Ein Umhang hing schwer auf seinen Schultern, sofort vom Regen durchtränkt.

Sein Gesicht lag im Schatten der Kapuze. Und selbst der Wald schien zu spüren: Er gehörte nicht hierher.

Ein Mensch.

Friedhelm blinzelte verwirrt. Kein Zimmer, kein Bett. Stattdessen Regen und Sturm. Er sah an sich hinunter. Jogginghose, Hauslatschen und…ein Umhang? Er ergriff das Tuch, ließ es durch zitternde Finger gleiten und seine Mundwinkel zuckten missbilligend.

Ein…Traum?

Aber wenn man träumte, wusste man in der Regel doch nicht, dass man träumt.

Wie merkwürdig!

Er war groß, alt und viel zu dünn. Als er den Kopf hob, fing das warme Licht der Taverne das Blau seiner weit aufgerissenen Augen ein. Sein Schnurrbart zitterte im Wind. Er zögerte nicht länger und schlurfte auf das einladend leuchtende Haus zu. Das „Flap-Flap“ seiner nassen Latschen wirkten fehl am Platz und jeder Schritt fühlte sich merkwürdig leicht an.

Er begutachtete das leicht schiefe Gebäude mit dem bedrohlich schwankenden Willkommensschild.

Hoffentlich krachte es nicht in sich zusammen, während er da drin war.

Friedhelm wusste nicht warum er hier war. Er wusste nur, dass seine Beine ihn hierher getragen hatten – und das war weitaus mehr, als sein Körper in den letzten Monaten geschafft hatte. Entschlossen drückte er die Klinke hinunter.

Und staunte.

Der Sturm blieb hinter ihm zurück.

Hier drinnen herrschte eine andere Welt. Der offene Raum schien größer, als er von draußen gewirkt hatte. Die Wärme des fröhlich knisternden Feuers umfing ihn wie eine Umarmung. In ihm breitete sich ein Gefühl von „nach Hause kommen“ aus.

Die Luft war geschwängert von Kräuterduft und dem Geruch von würzigem Eintopf und frisch gebackenem Brot.

Für einen winzigen Augenblick glaubte er, die Zeit selbst würde ihn begrüßen. Doch so schnell wie der Gedanke kam, verflüchtigte er sich auch wieder.

Er ließ seinen Blick stirnrunzelnd über die Einrichtung schweifen. Sie war jenseits dieses Jahrhunderts: grobe Holztische, blank poliert; Regale voller Krüge und Schalen. Ein, wie er annahm, Bärenfell auf dem Holzfußboden. Direkt davor ein offener Kamin. Alles mittelalterlich anmutend. Einzig der samtene, dunkelrote Ohrensessel direkt vor dem Feuer wirkte auf ihn fehl am Platz.

In diesem saß eine junge Frau mit spitzen – SPITZEN!- Ohren und blonden Haaren. Sie schrieb unablässig mit einer Feder in ein Buch, anscheinend ohne Notiz von ihm zu nehmen.

Er trat ganz ein – und blieb wie angewurzelt stehen.

Im Schatten der hintersten Ecke saß noch jemand. Eine Frau. Groß, makellos, ganz in Schwarz. Umgeben von einem Schwarm Krähen. Sie saßen wie Schatten auf den Balken und Stuhllehnen. Eine von ihnen hockte still auf ihrer Schulter und neigte den Kopf. Ihre Augen, so dunkel, dass sie fast das Licht verschluckten, ruhten auf ihm. Die Frau sagte nichts und nippte nur an ihrem Getränk. Doch in seinem Inneren zog sich etwas zusammen.

Eine leise Ahnung…er schob den Gedanken hastig beiseite.

Das war doch absolut surreal hier!

Es musste ein Traum sein, oder Fieber. Irgendwas zwischen Wahn und Schlaf. Er starrte auf seine nassen Latschen und musste plötzlich lachen. Jogginghose und Schlappen, was auch immer es war, es hatte genau seinen Humor.

Ihm fiel auf, wie leicht sich sein Körper und besonders seine Beine anfühlten. Kein Schmerz, keine Schwäche. All seine Last war verschwunden. Dieses Gefühl war ihm so fremd, dass er schlucken musste.

Er hätte nicht gedacht, sich noch einmal so zu fühlen.

Friedhelm schloss die Tavernentür ganz und wandte sich nach links zum Tresen. Dahinter stand eine weitere Frau – war denn dieses ganze merkwürdige Haus voller Frauen?

Mit diesem Gedanken ließ er sich auf dem gepolsterten Barhocker nieder und die sanfte Stimme der Dame sagte mit freundlichem Lächeln:

„Guten Abend, was darf ´s sein?“

Er musterte sie.

Mitte dreißig vielleicht, lange kastanienbraune Haare zu einem Zopf geflochten. Das mittelalterliche Kleid ließ sie wirken, als sei sie aus der Zeit gefallen.

Da bemerkte er, dass er sie anstarrte und auf eine Antwort wartete. Er blinzelte.

„Äh ja, hast du ein Pils für mich? Krombacher wenn’s geht.“

Etwas Wissendes blitze in ihren grünen Augen auf und ihr Lächeln wurde breiter.

Die Wirtin griff nach einem polierten Krug und zapfte ein perfektes Bier aus einem in der Wand eingelassenen Fass.

„Das ist ein heftiger Sturm da draußen, nicht wahr?“, sie stellte den Krug vor ihm ab.

Friedhelm nickte geistesabwesend und nahm einen Schluck. Der Geschmack traf ihn bis in sein Innerstes. Er versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal ein Bier getrunken hatte, doch seine Erinnerungen waren verwaschen, lückenhaft. Er runzelte verwirrt die Stirn.

„Sag mal, das mag jetzt komisch klingen, aber wo genau bin ich hier?“, fragte er zögernd.

Die Frau schaute ihn an. „In der Taverne „Zur Schwelle““, sagte sie und verbeugte sich leicht, „Und ich bin Genevieve, die Wirtin.“

„Aha und wo genau soll das sein?“, fragte er mit zunehmender Ungeduld, „Wie heißt die Stadt? Ich habe noch nie davon gehört.“ Langsam fühlte er sich veralbert.

Ihr Blick wurde weich und mitfühlend. „Das ist normal, Friedhelm. Hierher kommt niemand ohne Grund.“

Dieser dachte über ihre Worte nach, die für ihn dennoch keinen Sinn ergaben. Und für einen Moment war nur das Kratzen einer Feder auf Papier zu hören.

Er ahnte, dass dies hier kein Traum sein konnte.

Eine weitere Frage gärte in ihm, aber er wagte es nicht sie zu stellen.

Erneut runzelte er die Stirn. Irgendwas stimmte nicht. Er fühlte sich von Sekunde zu Sekunde schwächer.

Panik stieg in ihm auf. Seine Beine wurden taub und sein neu entdecktes Wohlbefinden entglitt ihm. Er wollte es festhalten und am liebsten schreien, dass es ihn nicht verlassen sollte.

Ein Schwindelanfall erfasste ihn und er krampfte die Finger um seinen Krug, als könne dieser ihn retten.

Genevieve beobachtete ihn und löste nun seine Finger vom Krug, um diese mit ihren kleinen, warmen Händen zu umschließen. Sie schloss kurz die Augen und augenblicklich fühlte er sich wohler. Das Zittern ließ nach und er entspannte seine Schultern ein wenig. Was auch immer sie getan oder nicht getan hatte, es hatte gewirkt.

„Was ist das Letzte, woran du dich erinnerst?“, fragte sie behutsam.

Er mochte das. Sein Leben lang musste er um alles kämpfen, stark sein. Hier in dieser abstrakten Umgebung hatte er ein Gefühl von Geborgenheit. Das Gefühl, dass er schwach sein durfte.

Friedhelm dachte intensiv über ihre Frage nach, während sein Herzschlag sich immer weiter beruhigte. Ja, was war denn das Letzte…

„Ich lag in meinem Bett und fühlte mich schwach. So schwach, dass ich irgendwann nicht mehr aufstehen konnte. Meine Tochter und ihr Mann kümmern sich um mich, weißt du“, er schluckte als er an das hilflose Gefühl zurückdachte. Er war nie abhängig gewesen, doch die letzten Monate war er wegen allem auf seine Tochter angewiesen.

Es war ihm peinlich und er war schrecklich wütend. Nicht auf sie, sondern auf die Tatsache, dass sein Körper ihm jeden Dienst verweigerte. Sie tat ihm leid, denn er wollte nie ihre Bürde sein, aber genau so fühlte es sich an.

Erneut ergriff die Panik Besitz von ihm, als ihm die Wahrheit dämmerte. Wie ein Geschwür krabbelte sie in sein Bewusstsein und ein Kloß bildete sich in seiner Kehle.

Er sah Genevieve mit feucht schimmernden Augen an. „Ich sterbe, oder?“

Diese nickte langsam.

„Kann ich…kann ich noch mal zurück? Mich verabschieden?“, fragte er hoffnungsvoll. Nur noch ein bisschen Zeit, nur noch einmal mit ihr sprechen.

„Ich fürchte, das geht leider nicht so einfach.“, sagte die Wirtin leise, fast bedauernd und nahm erneut seine Hand, „Aber glaub mir, sie weiß, dass du sie liebst.“

Er dachte darüber nach. Erkannte die Wahrheit.

Ja, seine Tochter wusste es und sie war erwachsen und brauchte ihn nicht mehr. Seine Frau war bereits gestorben und es gab eigentlich nichts mehr, das ihn hielt.

Er schaute sich seufzend um, „Dann ist das hier jetzt mein Himmel?“

Genevieve lachte herzlich, es klang angenehm hell und ehrlich. „Nein, ist es nicht.“, sagte sie mit einem kleinen Schluckauf.

„Sieh das hier als kleinen Zwischenstopp an, bevor es weitergeht.“

Das verwirrte ihn. „Aber wie bin ich hier gelandet? Willst du mir jetzt sagen, dass jeder Sterbende hier rein kommt?“

„Ah eine sehr kluge Frage. Lass mich deine Erste zuerst beantworten: Diese Taverne steht exakt zwischen den Welten. Zwischen Allem. Leben und Tod, Wachen und Traum, Märchen und Wahrheit und so weiter“,

sie beugte sich zu ihm vor und grinste ihn schelmisch an,“und um deine zweite Frage auch zu beantworten: Wenn jemand eine Schwelle übertritt, landet er manchmal hier, und manchmal nicht.“

Na das war ja jetzt doch sehr kryptisch!

Dennoch war er neugierig, denn so hatte er es sich definitiv nie vorgestellt.

„Wie geht es dann jetzt weiter?“

Hinter ihm erklang ein Krächzen. Er sah über die Schulter, die Frau in Schwarz stand auf und kam mit leichten Schritten auf ihn zu.

„Das wirst du schon bald rausfinden“, sagte diese mit angenehm dunkler Stimme. Ihre schwarzen Augen schauten ihn sanftmütig an.

Er verlor seine Angst, als sie ihn am Arm berührte. Stattdessen machte sich so etwas wie eine kribbelige Vorfreude breit.

Friedhelm schaute Genevieve an und diese nickte aufmunternd.

„Es wird alles gut werden.“

Er atmete tief durch und seufzte.

Dann zuckte er die Schultern und lächelte – zum ersten Mal seit sehr langer Zeit. „Tja, Hunde wollt ihr ewig leben.“

Die Frau in Schwarz sah zu Boden und biss sich auf die Lippen. Sie unterdrückte tatsächlich ein Lachen. Auch die Wirtin kicherte und er stimmte mit ein.

Er war bereit.

„Beatrix? Bringst du unseren Gast zur Tür?“ fragte Genevieve nun.

Diese nickte und hakte sich bei Friedhelm unter.

Doch der stutzte.

„Warte mal, du hast mich vorhin bei meinem Namen genannt. Den hab ich dir aber nie gesagt.“

Jetzt wo er so darüber nachdachte…er hatte noch so viele Fragen.

Genevieve wischte den Tresen gemächlich ab, so als hätte sie alle Zeit der Welt.

„Das musstest du auch gar nicht.“, erwiderte sie ruhig.

Natürlich musste nun eine weitere kryptische Antwort kommen.

Beatrix zog ihn bereits weiter zur Tür und es kam ihm ein bisschen so vor, als wolle sie damit verhindern, dass er weitere Fragen stellte.

Er ertappte sich, dass er sich wünschte, jemanden hier von erzählen zu können.

Doch da ging die Tür bereits auf und er sah erstmal…Nichts.

Er wurde geblendet von goldenem Licht und er kniff die Augen zusammen.

Dann sah er sie: seine Frau stand darin. Seine Frau! Das war der wohl schönste Anblick, den er je gesehen hatte.

Gleichzeitig schluchzte und lachte er auf.

„Danke…für Alles.“, murmelte er mit Tränen auf den Wangen und schlurfte ins Licht hinein.

Das „Flap-Flap“ seiner Latschen hallte noch kurz nach.

Die Tür fiel ins Schloss.

Der letzte goldene Schimmer verging und einzig das Knistern des Feuers und das Kratzen der Feder blieb.

Genevieve stand noch einen Atemzug in der Stille bevor sie mit zwei Bechern um den Tresen kam und sich gemeinsam mit Beatrix an einen Tisch setzte.

„Und wieder einer weniger“, sagte Beatrix seufzend, als würde sie eine Liste abhaken. Weder Trauer noch Freude schwangen mit, lediglich eine Feststellung.

Die Wirtin schob ihr einen Becher rüber, „Oder einer mehr“.

Die Krähenfrau zog eine schwarze Augenbraue hoch, „Hm?“

„Einer weniger auf dem Weg“, sagte Genevieve ruhig, „aber einer mehr, der angekommen ist.“

„Du zählst anders als ich.“

„Zum Glück!“, murmelte Genevieve grinsend.

Für einen Moment schwiegen beide, jede in ihre eigenen Gedanken vertieft.

Das Feuer prasselte lauter und es klang wie ein Kinderlachen.

„Ein Anfang“, sagte Beatrix schließlich.

„Ein Anfang.“, stimmte Genevieve zu und sie stießen an.

Der Sturm hatte sich gelegt, aber am Feuer warteten schon die nächsten Geschichten.

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